Die Inklusion von Studierenden mit Behinderung und chronischen Erkrankungen ist an der Universität zu Köln Alltag. In 25 Jahren ist hier ein Netzwerk entstanden, das Nachteile ausgleicht und den Standort attraktiver macht – für alle Studierenden.

Mittagszeit an der Kölner Uni. Wer jetzt den Campus überquert, erfährt schnell, was es bedeutet, einer von vielen zu sein. Sich im Strom der Tausenden zurechtzufinden, in den vielen Gebäuden pünktlich zu Seminaren und Vorlesungen zu erscheinen, Abgabetermine einzuhalten, Prüfungen wahrzunehmen und nebenbei noch Kontakte zu knüpfen: Das alles fordert Energie und Durchhaltevermögen. Noch etwas höher sind die Alltagshürden an einer Massenuni für Studierende mit körperlichem oder psychischem Handicap. Laut der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks haben bundesweit sieben Prozent aller Studierenden eine sogenannte „studienerschwerende Gesundheitsbeeinträchtigung“. An der Universität zu Köln, wo Anfang 2015 rund 48.000 Studierende eingeschrieben waren, dürften es statistisch also knapp 3500 sein. Vermutlich sind es mehr. Denn die Uni fördert und pflegt seit Jahrzehnten die Vielfalt der Menschen auf und rund um den Campus – unter anderem durch die Inklusion von Studierenden mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Das macht den Standort attraktiv, für alle Studierenden und Mitarbeitenden.

Philippa von Möller & Jessica Jahnke | Foto: Victoria Birgel

„Eine gute Gelegenheit, um in den Uni-Alltag reinzuschnuppern.“

Philippa von Möller und Jessica Jahnke sind gekommen, um Hürden aus dem Weg zu räumen. Die beiden 19-Jährigen absolvieren ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der „Assistentenstelle für Studierende mit Behinderung“. Im Foyer eines großen Vorlesungsgebäudes haben sie ihr eigenes Büro. Ihre Aufgaben reichen von der Überprüfung von Buchinhalten, die für Leserinnen und Leser mit Sehschädigung digitalisiert wurden, über Mobilitätshilfen, Recherche-Assistenz und pflegerische Hilfen bis zur Anfertigung von Mitschriften zu Vorlesungen, die sie gemeinsam mit den Studierenden besuchen. Teilweise sei das „schon ziemlich anspruchsvoll“, sagt Philippa von Möller. „Aber auch eine gute Gelegenheit, um in den Uni-Alltag reinzuschnuppern.“ Die FSJ-lerinnen profitieren genauso wie jene, denen sie das Studium erleichtern. Der beidseitige Nutzen ist typisch für das Netzwerk, zu dem die Assistentenstellen gehören und das an der Kölner Uni seit Anfang der 1990er-Jahre weiterentwickelt wird.

„Wir werden aktiv, wenn das Prinzip der Chancengleichheit bedroht ist oder konkret verletzt wird.“

Damals richtete die Uni als bundesweites Leuchtturmprojekt eine Zivildienststelle zur Unterstützung von Studierenden mit Rollstuhl ein. Es folgten Stellen für FSJ-lerinnen, eine Hilfsmittelstelle für blinde und sehbehinderte Studierende sowie zusätzliche Zivis, die Studierende in ihre Lehrveranstaltungen begleiteten und Mitschriften anfertigten. Die Zielsetzung, zugunsten von Chancengleichheit und größerer Vielfalt bestehende Nachteile so weit wie möglich auszugleichen, wirkte sich auch baulich aus: Rampen ergänzten sukzessive Treppen, und Aufzüge vereinfachten den Zugang zu allen Gebäudeteilen. Seit 2009 bietet ein Anwalt eine spezielle Sozialrechtsberatung. Außerdem verfügt die Uni über einen Rektoratsbeauftragten für die Belange von Studierenden mit Behinderung. „Wir werden aktiv, wenn das Prinzip der Chancengleichheit bedroht ist oder konkret verletzt wird“, sagt Karl-Josef Faßbender, der den Rektoratsbeauftragten Professor Gerd Hansen als Koordinator unterstützt. „Wir möchten Studierenden als Ansprech- und Gesprächspartner beiseite stehen, wenn sie in der Wahrnehmung ihres Rechts auf angemessene Studienbedingungen offensichtlich beeinträchtigt werden.“

Hannah Scherer | Foto: Victoria Birgel

„In einem separaten Raum konnte er sich konzentrieren und seine Leistung abrufen.“

Aus einem Bündel an Maßnahmen ist mittlerweile eine Institution geworden. Im Jahr 2013 richtete die Uni-Verwaltung das „Servicezentrum Behinderung und Studium“ ein. Dies verfügt im Studierenden Service Center – ein hochmoderner Vorzeigebau – über einen eigenen Bürotrakt. Hier befindet sich unter anderem ein barrierefrei eingerichteter PC-Arbeitsraum mit bedarfsgerechten Arbeitsplätzen. Es gibt reichlich Platz, damit sich Studierende mit Rollstuhl gut bewegen können. Nutzerinnen und Nutzer mit eingeschränktem Sehvermögen lassen sich von einer Software vorlesen, was auf dem Monitor vor ihnen steht. Oder sie lesen von einer sogenannten Braillezeile ab die Texte in die abtastbare Brailleschrift übersetzt. Gleich gegenüber ist ein Ruheraum, der auch einen weiteren PC-Arbeitsplatz enthält. Hier können Studierende ihre Klausuren schreiben, denen das in dem üblichen Umfeld nur schwer gelingt. „Wir hatten einen Studenten mit dem Asperger-Syndrom, den die Geräusche in einem Vorlesungssaal extrem störten“, sagt die Diplom-Pädagogin Hannah Scherer vom Beratungsteam für Rehabilitationstechnik und assistive Technologien. „In einem separaten Raum konnte er sich konzentrieren und seine Leistung abrufen.“

Nadine Mitzkus | Foto: Victoria Birgel

„Es ist eine große Erleichterung, wenn man sich nicht immer wieder neu erklären muss, sondern auf vorhandene Strukturen zurückgreifen kann.“

Zusammen mit ihren Kolleginnen, der Diplom-Psychologin Lana Martin und der Diplom-Heilpädagogin Nadine Mitzkus, berät Hannah Scherer Studierende. Sie unterstützen sie punktuell und individuell bei der Bewältigung des Studienalltags. Benötigt jemand Hilfe, um sich in der Mensa das Essen zu holen, oder eine Begleitung, um zum Auto zu kommen, koordinieren sie den Einsatz mit der Assistentenstelle oder Mitarbeitenden der Uni. Hat jemand motorische Probleme und kann ohne Pause nicht länger als zwei Stunden mit der Hand schreiben, setzen sie sich bei zuständigen Prüfungsämtern oder Dozierenden für eine Schreibzeitverlängerung bei Klausuren ein. „Damit das alles funktioniert, ist eine dauerhafte Netzwerkarbeit auf allen Ebenen notwendig“, sagt Sylvia Wanitzke, die Leiterin des Servicezentrums. Deshalb stellen sich die Beraterinnen regelmäßig in Seminaren und Vorlesungen vor und suchen den Kontakt zu Studierenden, Lehrenden, Prüfenden, Mitarbeitenden und Ämtern. Je besser alle Beteiligten informiert sind, desto unkomplizierter lassen sich Nachteile ausgleichen. „Es ist eine große Erleichterung, sich nicht immer wieder neu erklären zu müssen, sondern auf vorhandene Strukturen zurückgreifen können“, sagt Nadine Mitzkus.

Lana Martin | Foto: Victoria Birgel

Diversity ist bei den Studierenden ein großes Thema.“

Die Herstellung von Chancengleichheit ist nur ein Aspekt der Inklusionsarbeit an der Kölner Uni. Wo Hürden abgebaut und Nachteile ausgeglichen werden, gedeihen Vielfalt und eine Kultur der Wertschätzung. Daraus entwickelt sich ein echter Standortvorteil. „Diversity ist bei den Studierenden ein großes Thema“, sagt Lana Martin. „Sie wünschen sich, mit ihren Besonderheiten angenommen zu werden, und entscheiden sich für eine Uni, die ihnen das bietet.“ Deshalb beschränkt sich die Diversity-Arbeit auch nicht auf die Inklusion von Studierenden mit körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung. Die Ermöglichung eines Studiums mit Kind, der internationale Austausch, die Gleichstellung von Männern und Frauen sowie die Akzeptanz religiöser und sexueller Orientierung sind weitere Facetten. „Wir versuchen, auch diese Dimensionen in unser Netzwerk einzubinden und voneinander zu lernen“, sagt Hannah Scherer. Die Kontakte reichen über die Uni hinaus. Beraterinnen und Berater anderer Hochschulen holen sich regelmäßig Tipps und Ratschläge aus Köln.

Sylvia Wanitzke | Foto: Victoria Birgel

„Es gibt natürlich immer noch eine Menge zu tun.“

Den Nutzen der Vielfalt hat auch die Hochschulleitung erkannt. Auch im neu gewählten Rektorat soll das Thema auf der Ebene eines Prorektorats verankert sein. Vorher werden sich die Mitarbeiterinnen des Servicezentrums aktuellen und künftigen Studierenden noch bei der Diversity-Themenwoche vom 8. bis zum 12. Juni präsentieren. Sylvia Wanitzke blickt optimistisch in eine vielfältige Zukunft. „Wir haben mittlerweile einiges erreicht und in vielen Bereichen die Chancengleichheit verbessert“, sagt sie. „Aber es gibt natürlich immer noch eine Menge zu tun.“

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