Leistung kennt kein Handicap

Das Sozialunternehmen AfB gGmbH beschäftigt je zur Hälfte Menschen mit und ohne Behinderung. Wirtschaftlichkeit und Unternehmertum treiben das mittelständische Unternehmen mit seinen 160 Beschäftigten an. Erfolgreich misst es sich mit anderen IT Dienstleistern des ersten Arbeitsmarkts, verkauft professionelle IT-Lösungen (u.a. Austausch von IT Geräten, zertifizierte Datenlöschung, Mitarbeiterverkäufe), gekoppelt mit Corporate Social Responsibility (CSR). Dieses einzigartige, erfolgreiche Unternehmensmodell, setzt europaweit Maßstäbe!

Nathalie Ball | Foto: Frauenfeld

„Für die AfB gemeinnützige GmbH möchte jeder Mitarbeiter sein Bestes geben. Dafür erhalten die Mitarbeiter viel Raum zur Selbstverwirklichung.“


„Unsere Unternehmenskultur steht für Miteinander und Wertschätzung der unterschiedlichen Fähigkeiten jeder einzelnen Mitarbeiterin und jedes einzelnen Mitarbeiters. Die Leistung und nicht die Behinderung steht im Mittelpunkt, das macht uns aus und macht uns wirtschaftlich und integrativ erfolgreich“, so Nathalie Ball, verantwortlich für Corporate Social Responsibility und Öffentlichkeitsarbeit bei der AfB. Das liest sich nicht nur gut, sondern es fühlt sich auch so an. Bei der Führung über das Firmengelände ertappt man sich zunächst noch beim Versuch, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit und ohne Behinderung voneinander unterscheiden zu wollen. Doch je länger man dem Betriebssozialarbeiter und Leiter des Testbereichs Milan Ringwald und seiner Kollegin Nathalie Ball zuhört und durch die riesigen Lagerhallen läuft, desto weniger denkt man in diesen beiden engen und stereotypen Kategorien. Vollends gebrochen wird die „Kategorie-Blockade“ dann im Gespräch mit dem Firmengründer, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzenden Paul Cvilak, dem Key Account Manager und Aufsichtsratsvorsitzenden Norbert Schindel und der Prokuristin Monika Braun. Es geht um ein gemeinsames Ziel, das da heißt, „das größte Sozialunternehmen Europas zu sein, das als Dienstleister von großen Firmen anerkannt wird“; so der Visionär Cvilak. Für ihn gibt es gute und schlechte Beschäftigte – keine „mit“ oder „ohne“ Behinderung.


„Wir sind stolz darauf, ein Integrationsunternehmen zu sein, das Menschen auf Grund ihrer Begabung und Fähigkeiten und nicht auf Grund ihrer Behinderung beschäftigt. Bei uns steht die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund."
Nathalie Ball, Corporate Social Responsibility / Öffentlichkeitsarbeit bei der AfB gGmbH

„Aufgrund des Status Integrationsprojekt gibt es eine 50-Prozent-Quote, doch für uns ist nicht in erster Linie die Quote relevant. Auch bevor wir im August 2008 den Integrationsprojekt-Status erhielten, führten wir unser Unternehmen mit dieser Diversität“, so Ball. Gemeinnützigkeit heißt in diesem Zusammenhang, dass alles, was erwirtschaftet wird, reinvestiert werden muss. Dies erklärt das rasante Wachstum seit der Gründung im Jahr 2004 in Ettlingen. Seitdem sind 160 Arbeitsplätze geschaffen worden und zusätzliche Standorte in Berlin, Düren, Essen, Hamburg, Hannover, Köln, Nürnberg, Stuttgart, Unna, Wien und Annecy eröffnet worden.

„Wir tun dies nicht aus „Gutmenschentum“, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Wenn wir von Diversity Management sprechen, haben wir aufgrund unserer Gründungsidee unseren Fokus auf den Diversity-Aspekt Behinderung gelegt. Dabei ist uns aber sehr wichtig, dass wir keine „Werkstatt“ sind, sondern ein ganz normales IT-Unternehmen im Bereich IT Dienstleistungen, das sich im Wettbewerb um seine Kunden mit allen andern „normalen“ Mitbewerbern misst“, erklärt Ball. „Professionalität und Leistung stehen dabei im Mittelpunkt unserer Kundenbeziehung. In der Zusammenarbeit mit unseren Beschäftigten mit Behinderung sehen wir einen Wettbewerbsvorteil. Stolz sind wir vor allem dann, wenn wir Neukunden für uns gewinnen und unsere Bestandskunden immer wieder mit unserem erstklassigen Service überzeugen können“, so Ball. Dabei seien Nachhaltigkeit und Inklusion das Credo, das nicht nur in der Unternehmensbroschüre steht, sondern das jeden Tag aufs Neue gelebt wird. Diese Authentizität spüren auch die Kunden und Kundinnen sowie Geschäftspartner/-innen, und das schafft Vertrauen und überzeugt. Ball fasst treffend zusammen: „Wenn ein Kunde die Wahl zwischen einem „normalen“ IT-Dienstleister und uns hat – wir dabei aber eine gleichwertige oder bessere Leistung bringen – ist das Zünglein an der Waage oft unser einzigartiger Mehrwert: Denn mit uns leisten die Kunden einen Beitrag zur unternehmensinternen Corporate Social Responsibility (CSR)–Initiative“.

Milan Ringwald | Foto: Frauenfeld

„Es geht um Vorurteile und im Grunde Angst. Oft wachsen Vorurteile und Angst auf dem Nährboden falscher Informationen.“


„Wir werden immer wieder mit ähnlichen Vorurteilen konfrontiert. Am häufigsten haben Arbeitgeber Angst, dass wenn sie einen Mitarbeiter mit Behinderung einstellen, die Arbeitsleistung nicht stimmt und die Mitarbeiter sich somit nicht integrieren können, dieser nie mehr und unter keinen Umständen kündbar ist“, berichtet Milan Ringwald, Betriebssozialarbeiter / Leitung Testbereich. „Dies entspricht natürlich nicht der Wahrheit. Allerdings muss man Menschen mit Behinderung sicherlich anders führen. Aber ist es nicht sowieso anerkannt, dass genau das Einlassen auf und Erkennen der Potentiale die Basis für gutes Management ist?“, hinterfragt Milan Ringwald. So unterschiedlich die Menschen seien, so sensibel müsse man Menschen führen, wenn man ein optimales Arbeitsumfeld entsprechend des Leistungsgrades schaffen möchte, in dem Menschen bereit sind, loyal und motiviert ihr Bestes zu geben, erklärt Ringwald. Ja, das Arbeiten sei anders, aber nicht schlechter oder schwieriger als in jedem anderen Betrieb. Was wir von unseren Beschäftigten lernen ist, dass Struktur Halt gibt. Wir sind häufig von einem „Freiheitsgedanken“ getrieben, der aber in einigen Fällen gar nicht den Bedürfnissen unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entspricht.

Paul Cvilak | Foto: Frauenfeld

„Unsere Konkurrenz sind Firmen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Dies ist der Beweis, dass man auch oder gerade wegen der Unterschiedlichkeit unserer Beschäftigten nicht nur wettbewerbsfähig, sondern auch erfolgreich sein kann.“


„Alles begann mit der Frage eines potentiellen Kunden, ob ich meine Datenlösch-Dienstleistung in Deutschland zu einem wettbewerbsfähigen Preis anbieten kann“, so Paul Cvilak, Gründer und Geschäftsführer der AfB gGmbH. Danach folgte eine Reihe von Zufällen, und er traf die richtigen Mitstreiter/-innen zum richtigen Zeitpunkt. Ein Jahr später gründete er die AfB gGmbH. Es ging dem Unternehmer, der seit jeher PC-affin ist, um die Herausforderung, Deutschland als Standort auf innovative Art und Weise zu nutzen. Dabei entstanden die soziale Projektkomponente wie auch die „Green IT“-Komponente von alleine. Getrieben von der Wirtschaftlichkeit, aber dabei social & green. „Diese Grundvoraussetzung macht uns so stark und konkurrenzfähig“, so Cvilak. „Ich bin angespornt von der Idee zu beweisen, dass man auch als gemeinnützige GmbH eine ebenso starke wie konkurrenzfähige und große Firmenstruktur schaffen kann. Wir möchten die großen Firmen als unsere Kunden gewinnen, dies treibt uns in unserer Entwicklung an. Wir wissen, dass ein Konzern, der mehrere Niederlassungen hat, einen starken und verlässlichen, standortübergreifenden Partner wünscht. Deswegen stellen wir uns auch international auf, um eben dieser Partner sein zu können. Dafür brauchen wir gute Menschen. Gute Leute, die finde ich mit und ohne Behinderung. Die Schranke im Kopf existiert bei mir nicht.“

Norbert Schindel | Foto: Frauenfeld

„Die Menschen, die zu uns kommen, wollen Leistungsträger sein – mit und ohne Behinderung.“


Als Vertriebsmitarbeiter bringt Norbert Schindel volle Leistung. Dass der Key Account Manager der AfB gGmbH und Aufsichtsratsvorsitzender der 1500 gAGdabei im Rollstuhl sitzt, spielt für ihn keine Rolle. Natürlich gibt es Momente, in denen er wegen der noch nicht überall vorhandenen Barrierefreiheit nicht ins Büro des IT-Chefs kommt, doch dann „gibt es zwar keinen Weg (im wahrsten Sinne des Wortes), aber Lösungen“, beschreibt Schindel. So kann es passieren dass das Meeting im Auto von Herrn Schindel abgehalten wird. Oft wird er gefragt, warum nicht andere Firmen das Geschäftsmodell der AfB kopieren. Nach Meinung von Schindel liegt das daran, dass vielen Werkstätten das technische Know-how (Datenlöschung ist ein sensibles Thema) und das unternehmerische Wissen und Können fehlt.

Monika Braun | Foto: AfB

„Jeder spricht von Fachkräftemangel. Wir sehen Potentiale und die Qualifikation – gekoppelt mit einem überdurchschnittlich hohen Maß an Motivation.“


Im Gespräch mit Monika Braun, die seit 2008 als Mitarbeiterin und seit 2009 als Prokuristin zur Geschäftsleitung der AfB gehört, wird klar, wie engstirnig wir die Fachkräftemangel-Diskussion in Deutschland führen. „Tausende von Menschen werden jedes Jahr krank und behindert. Deswegen verlieren diese Menschen aber doch nicht ihre Qualifikation“, sagt sie. Und sie weiß, wovon sie spricht. 2002 erlitt Monika Braun einen Schlaganfall und gilt seitdem wegen der Folgebeeinträchtigungen als behindert. Innerhalb nur einen Jahres baute Braun für AfB die Standorte Düren, Essen, Köln, Unna und Berlin zu einem Betrieb mit 90 Beschäftigen aus. Gemeinsam mit fünf ihrer Mitarbeiter/-innen kam sie nach einer Insolvenz ihres vorigen Arbeitgebers zu dem gemeinnützigen Unternehmen. „Wir sehen immer wieder, dass die Motivation der Mitarbeiter, die bei uns die Chance zu einem Job auf dem ersten Arbeitsmarkt erhalten, überdurchschnittlich hoch ist“, so die Prokuristin. Monika Braun denkt in Potentialen, nicht in potentiellen Hindernissen. Auch als sie zusammen mit ihrem Kollegen Peter Sittig das Ausbildungsprogramm „Werkstatt – Ausbildung – Beruf“ – kurz WAB ins Leben rief. Die Idee ist, wie viele gute Ideen, simpel: Personen aus Werkstätten für behinderte Menschen (WfbMs) werden bei der AfB zum/zur Fachpraktiker/in für IT-Systeme ausgebildet. Das Programm läuft seit einem Jahr, die 12 „WABIS“, wie die Auszubildenden genannt werden, die vor einem Jahr begonnen haben, sind alle noch dabei. Sie beginnen gerade, sich auf die Zwischenprüfung vorzubereiten. Nachdem das Ausbildungsprogramm sieben Monate lief, wurde die IHK Aachen auf die Initiative aufmerksam. Nun ist der Ausbildungsberuf von der IHK anerkannt. Bei erfolgreichem Bestehen der Abschlussprüfung der dreijährigen Ausbildung werden die WABIS von der AfB mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag übernommen. „Sicherlich, man steht vor Herausforderungen, das weiß jeder Ausbildungsbetrieb. Wir müssen zusätzlich zu den Aufgaben des Ausbildners auch „Change Manager“ sein, denn die WABIS lernen nicht nur einen Beruf, sondern auch eine Teilnahme am Arbeitsleben, das sich vom Werkstattleben unterscheidet“, so Braun. „Die Zufriedenheit in den Gesichtern der Auszubildenden, die in ihrer Aufgabe voll und ganz aufgehen, ist für mich aber die größte Belohnung und Auszeichnung für unsere Arbeit. Wir sind stolz darauf, dass jeder einzelne unserer Mitarbeiter/-innen Potential, Qualifikation und eine überdurchschnittliche Motivation hat. Das kann nicht jedes Unternehmen von seinen Beschäftigten sagen. Welche Rolle spielt es dann, ob jemand im Rollstuhl sitzt, eine Spastik hat, einen Schlaganfall hatte oder schizophren ist?“

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