Demographie gibt die Richtung vor

Foto: Fuchs & Zika

Die Autoren Johann Fuchs & Gerd Zika

Dr. Johann Fuchs hat eine Ausbildung zum Bankkaufmann und studierte Sozialwissenschaften. Das Studium schloss er 1985 als Diplom-Sozialwirt ab. 1989 promovierte er am Lehrstuhl für Statistik I der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zum Dr. rer. pol. Von 1990-1991 war er Projektleiter bei der GfK Marktforschung Nürnberg. Seit 1991 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Dr. Gerd Zika hat Betriebswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg studiert (Diplom-Betriebswirt 1991). Danach war er als Assistent am Lehrstuhl für Statistik und Ökonometrie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen/Nürnberg tätig (Promotion 1994). Seit 1995 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAB. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Analyse des Arbeitskräftebedarfs nach Sektoren, Berufsfeldern und Qualifikationen für die kurze als auch für die lange Frist.

 

Abstract

  • Das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland schrumpft aus demographischen Gründen von 2010 bis 2020 um 1,7 Mio. Personen und danach bis 2025 um weitere 1,7 Mio.
  • Zugleich wird die Beschäftigung bis 2020 um fast 400.000 Arbeitskräfte steigen. Danach wird sie aber aus demographischen Gründen bis 2025 um 500.000 Personen sinken.
  • Die aktuellen Modellrechnungen bestätigen die bekannten sektoralen Trends: In den Dienstleistungssektoren, vor allem in den unternehmensbezogenen Diensten, wird die Erwerbstätigkeit steigen, während sie im produzierenden Gewerbe teilweise massiv abgebaut wird.
  • Die Bilanz aus Erwerbspersonenpotenzial und Erwerbstätigen zeigt, dass die gesamte Unterbeschäftigung (Arbeitslosigkeit plus Stille Reserve) rein rechnerisch deutlich kleiner wird und bis 2025 auf unter 1,5 Mio. Personen sinken könnte. Dies gilt allerdings nur, wenn der künftige Arbeitskräftebedarf auch qualifikatorisch gedeckt werden kann, sonst droht Arbeitskräftemangel.

Die künftige Entwicklung der Wirtschaft und damit auch des Arbeitsmarktes gehört sicherlich zu den zentralen Fragen, die sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft derzeit stellen. Eine Vielzahl von Facetten der künftigen Entwicklungen ist bereits bekannt und auch hinreichend belegbar. Dazu zählt insbesondere die künftige demographische Entwicklung. Die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen wird in den kommenden Jahren rückläufig sein und die Bevölkerung wird zudem älter (vgl. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder: Statistisches Bundesamt 2009). Bereits jetzt ist die Zahl der Menschen über 65 Jahre größer als die der unter 15-Jährigen. Wenn in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge sukzessive dem Rentenalter näher kommen, verschiebt sich auch das Durchschnittsalter der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Mithilfe von Modellrechnungen untersuchen wir unter einem Kranz von Annahmen, wie sich unter diesen Voraussetzungen der Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2025 entwickeln könnte. Dazu wird in einer Arbeitsmarktbilanz das zu erwartende Angebot an Arbeitskräften dem zu erwartenden Bedarf an Arbeitskräften gegenübergestellt.

Gegenwärtig bestimmen die Schuldenkrise der Währungsunion die öffentliche Debatte. Darüber sollte aber der Blick über die aktuelle Situation hinaus nicht vernachlässigt werden. Denn langfristig zeichnen sich Herausforderungen ab, die es rechtzeitig zu beachten gilt. So wird der demographische Wandel zu gravierenden Veränderungen beim Arbeitskräfteangebot führen. Weil auf längere Sicht die Beschäftigung demographisch bedingt sinken könnte, dürften sich beide Marktseiten auf niedrigerem Niveau angleichen.

Arbeitsmarktbilanz bis 2025

In der Bilanzierung von Arbeitskräfteangebot und Arbeitskräftebedarf zeigen die Modellrechnungen, dass die Unterbeschäftigung langfristig stark zurückgeht (vgl. Abbildung 1). Dies ist das Ergebnis der gegenläufigen Tendenzen beider Marktseiten, d. h. einer Reduktion des Arbeitskräftepotenzials bei einem vorübergehend noch ansteigenden Bedarf an Arbeitskräften.

Abbildung 1: Arbeitsmarktbilanz bis 2025, in Mio. Personen

Arbeitskräfteangebot

Das Erwerbspersonenpotenzial Deutschlands ist in den 1990er Jahren stark gestiegen, stagniert aber seit der Jahrtausendwende nahezu und ist seit 2009 tendenziell rückläufig. Wie stark das Erwerbspersonenpotenzial künftig sinken wird, hängt von den Einflussgrößen Demographie, Erwerbsverhalten und Migration ab (Fuchs/Söhnlein/Weber 2011).

Der demographische Effekt spiegelt den isolierten Einfluss des Rückgangs und vor allem der Alterung der Bevölkerung auf das Erwerbspersonenpotenzial wider und kann für den Prognosezeitraum 2008 bis 2025 mit einer hohen Sicherheit geschätzt werden. Im Jahr 2008 wurde ein negativer Einfluss von etwas mehr als 100.000 Personen berechnet. Diese Tendenz wird sich beschleunigen: Bis 2025 verringert sich das Erwerbspersonenpotenzial demographisch bedingt um fast 7 Mio. Personen, d. h. im Durchschnitt um 390.000 pro Jahr.

Die Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Frauen wird nicht mehr den häufig erwarteten Beitrag zur Abschwächung des demographischen Einflusses leisten. Dies liegt in erster Linie an dem sehr hohen Niveau, den inzwischen die Erwerbsquoten deutscher Frauen mittleren Alters aufweisen. Für sich allein genommen hat die Veränderung der durchschnittlichen Erwerbsquote der 30- bis 49-jährigen Frauen den Effekt, dass das weibliche Erwerbs­personenpotenzial bis 2025 um 400.000 Arbeitskräfte zunimmt, was fast ausschließlich durch die höhere Erwerbsbeteiligung deutscher Frauen in Westdeutschland zustande kommt. Angesichts dessen, das über die Hälfte der Frauen in Teilzeit arbeitet (Wanger 2011), würde jedoch eine Ausweitung der Arbeitszeiten weitaus größere Erwerbspotenziale erschließen, als es diese reine Pro-Kopf-Betrachtung andeutet. Die Projektion berücksichtigt auch die Einführung der sogenannten „Rente mit 67“ ab 2012. Diese führt sukzessive zu deutlich höheren Erwerbsquoten der Älteren. Aus der Änderung im Erwerbsverhalten von Frauen und Älteren resultiert ein Potenzial mehrender Effekt, der für 2025 auf rund 1,7 Mio. Personen geschätzt wird.

Bei der Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials spielt die Zuwanderung eine große Rolle. Anders als Geburten- und Sterberaten lässt sie sich jedoch nicht prognostizieren: Zahlreiche Einflussfaktoren in Deutschland wie im Herkunftsland sind weder vorhersehbar noch in ihren Auswirkungen auf das Wanderungsgeschehen exakt quantifizierbar. Deshalb arbeitet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit unterschiedlichen Wanderungsannahmen, die ein breites Spektrum an Möglichkeiten abdecken. In den letzten 50 Jahren sind in jedem Jahr durchschnittlich fast 150.000 Ausländer/innen und 50.000 Deutsche mehr zu- als fortgezogen. Betrachtet man jedoch die jüngeren Entwicklungen, dann sind diese Wanderungssalden deutlich zurückgegangen. Zwischen 2001 und 2010 sind im Durchschnitt jährlich weniger als 100.000 Ausländer/innen im Saldo nach Deutschland zugezogen und bei den Deutschen war der Wanderungssaldo sogar leicht negativ (-4.000). Nach den letzten verfügbaren Daten des Statistischen Bundesamtes (StBA) für das Jahr 2010 war der Wanderungssaldo bei den Ausländern und Ausländerinnen mit 154.000 Nettozuzügen allerdings wieder überdurchschnittlich hoch. Der Wanderungssaldo der Deutschen – der seit 2008 seinen negativen Höhepunkt erreichte – schwächte sich auf Minus 26.000 auf. Bisher liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass sich infolge der EU-Osterweiterung die Nettozuwanderungen drastisch erhöhen werden (Baas u.a. 2011).

In Abbildung 2 ist die Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials bei unterschiedlichen Annahmen zur künftigen Erwerbsbeteiligung und zum Wanderungsgeschehen dargestellt. Basisjahr der Projektion ist das Jahr 2008 mit einem Arbeitskräfteangebot von 44,75 Mio. Erwerbspersonen.

Szenario 1: Schließt man das Wanderungsgeschehen aus der Betrachtung aus und nimmt konstante Erwerbsquoten an, würde das Erwerbspersonenpotenzial schon in den kommenden Jahren stark schrumpfen. Bereits 2020 wäre es unter 41 Mio. Personen gesunken und im Jahr 2025 betrüge es gerade noch 38 Mio. Der jährliche Rückgang wird in diesem Zeitraum immer stärker. Dieser Effekt entsteht, weil die geburtenstarken Jahrgänge aus den 1960er Jahren nach und nach das rentennahe Alter erreichen. Da der Bevölkerungsbestand immer kleiner wird, schwächt sich der Abwärtstrend nach 2026 wieder ab. Dazu trägt bei, dass nach 2030 die Baby­boom-Generation weitgehend aus dem Erwerbsleben ausgeschieden ist. Im Jahr 2050 würde das Erwerbspersonenpotenzial unter diesen Annahmen weniger als 26,7 Mio. Menschen umfassen. Die Veränderungen aus diesem Szenario spiegeln den rein demographischen Effekt wider (Fuchs 2009).

Szenario 2: Auch bei diesem Szenario wird von Wanderungen abgesehen. Gegenüber Szenario 1 werden jedoch steigende Erwerbsquoten angenommen. Deshalb fällt der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials etwas schwächer aus: Bis 2025 sinkt es auf 39,8 Mio. und bis 2050 auf knapp 28,6 Mio. Personen. Aus dem Unterschied zu Szenario 1 folgt der o.g. Verhaltenseffekt.

Szenario 3: Im Falle steigender Erwerbsquoten und einer Nettozuwanderung von 100.000 Personen pro Jahr würde das Erwerbspersonenpotenzial in den kommenden Jahren nur wenig sinken. Erst im Jahr 2017 läge es unter 44 Mio. Die annahmegemäß konstant bleibende jährliche Zuwanderung kann den demographischen Effekt jedoch zunehmend weniger kompensieren. Im Jahr 2025 sind es deshalb noch 41,3 Mio. Erwerbspersonen und 2030, im Jahr des stärksten jährlichen Rückgangs in dieser Variante, zählen nur noch 39,2 Mio. Personen zum Arbeitskräfteangebot. Für 2050 ergibt dieses Szenario ein Erwerbspersonenpotenzial von 32,7 Mio. Personen. Aus der Differenz zu Szenario 2 errechnet sich der Wanderungseffekt. Szenario 3 liegt im Übrigen auch Abbildung 1 zugrunde.

Abbildung 2 Quelle: Fuchs/Söhnlein/Weber 2011

In Tabelle 1 sind zwei weitere Szenarien mit einem Jahr für Jahr ausgeglichenen Wanderungssaldo (Null-Wanderungssaldo) und einem Wanderungssaldo von jährlich 200.000 Personen angegeben. Mit diesem Spektrum dürfte die ganze Breite der aus heutiger Sicht denkbaren Zuwanderung abgedeckt sein.

Das Erwerbspersonenpotenzial könnte im Übrigen erst bei einer jährlichen Nettozuwanderung von 400.000 Personen annähernd konstant gehalten werden. Einen jährlichen Saldo in dieser Höhe – vor allem über längere Zeit – halten wir jedoch für wenig plausibel. Der Wanderungssaldo ist in den letzten Jahren deutlich gesunken, er war in den Jahren 2008 und 2009 sogar negativ. Im Zuge der wirtschaftlichen Erholung von der Finanzkrise und der im europäischen Vergleich sehr günstigen Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland wurde 2010 wieder ein positiver Wanderungssaldo von 128.000 Personen erreicht. Mit der weiteren wirtschaftlichen Erholung und der Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts für Arbeitskräfte aus den neuen Mitgliedsstaaten der EU zum 1. Mai 2011 könnte die Zuwanderung in den kommenden Jahren zwar spürbar steigen (Baas u.a. 2011). Angesichts der demographischen Entwicklung in den Herkunftsländern und der Konvergenz der Pro-Kopf-Einkommen in europäischen Volkswirtschaften ist es jedoch wenig wahrscheinlich, dass der Wanderungssaldo den historischen Durchschnittswert von 200.000 Personen (in den Jahren 1960 bis 2010) dauerhaft übersteigen wird.

Tabelle 1: Projektion des Erwerbspersonenpotenzials bis 2025 Quelle: Fuchs/Söhnlein/Weber 2011


Anmerkungen zur Projektion des Erwerbspersonenpotenzials

Die Vorausschätzung des Erwerbspersonenpotenzials basiert auf zwei Grundbausteinen: einer Bevölkerungsprojektion und einer Projektion von Potenzialerwerbsquoten (Fuchs/Söhnlein/Weber 2011). In dem hier zugrunde gelegten Szenario erreicht die Erwerbsbeteiligung der westdeutschen Frauen ein Niveau, das in den mittleren Altersjahrgängen kaum eine weitere Steigerung zulässt. So steigt die durchschnittliche Erwerbsquote der 30- bis 49-jährigen Frauen von 87% im Jahr 2005 auf 91% im Jahr 2025. Außerdem wurde die gesetzlich bereits beschlossene „Rente mit 67“ berücksichtigt. Dies führt zu einem deutlichen Anstieg der Potenzialerwerbsquoten: z. B. erhöht sich die Erwerbsquote der 60- bis 64-Jährigen westdeutschen Männer von 57 % im Jahr 2008 bis 2025 auf 68 %. Die zusätzlichen Effekte, die sich durch die Änderungen im Schulsystem (G8) und dem Aussetzen der Wehrpflicht ergeben, werden als vernachlässigbar eingeschätzt (Fuchs et al 2011 : 5).

Soweit es die Fertilität und die Mortalität betrifft, gleichen die Annahmen der IAB-Bevölkerungsprojektion weitgehend denen des Statistischen Bundesamtes für seine mittlere Variante aus der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung (siehe Statistisches Bundesamt 2009). In der vorliegenden Projektion bis zum Jahr 2025 wirken sich die konkreten Annahmen allerdings praktisch nicht aus.

Der Einfluss der Zuwanderung wird mit unterschiedlichen jährlichen Wanderungssalden modelliert. Die Variante „ohne Wanderungen“ berücksichtigt Wanderungen überhaupt nicht. In der Variante mit einem „Null-Wanderungssaldo“ gleichen sich die Zahl der Zu- und Fortzüge Jahr für Jahr aus. Allerdings unterscheiden sich Zuzüge und Fortzüge in ihrer Alters- und Geschlechts­struktur, was den Unterschied zur Variante „ohne Wanderungen“ ausmacht. Varianten mit jährlichen Wanderungssalden von 100.000 respektive 200.000 Personen tragen einerseits der niedrigen Nettozuwanderung der jüngeren Vergangenheit Rechnung und berücksichtigen andererseits, dass die Nettozuwanderung zeitweise durchaus deutlich höher sein könnte, weil ab Mai 2011 die Arbeitnehmerfreizügigkeit für die Bürger/innen aus acht mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten der EU auch in Deutschland eingeführt wird.

Arbeitskräftebedarf

Wegen der Vielzahl relevanter Bestimmungsgrößen wird für die Erfassung der volkswirtschaftlichen Komplexität und zur Vorausschau der Arbeitsmarktnachfrage ein modellbasiertes Projektionssystem verwendet (vgl. Infokasten: IAB-INFORGE-Modell). So ist in der kurzen Frist zwar entscheidend, wie schnell die Folgen der Weltwirtschaftskrise überwunden werden. Langfristig hängt der Arbeitskräftebedarf jedoch von einer Reihe nur schwer kalkulierbarer Entwicklungen ab, wie dem Ölpreis, den Währungsrelationen, der Weltkonjunktur oder den Rückwirkungen der Finanzmarktkrise auf die reale Wirtschaft. Auch in der demographischen Entwicklung liegen erhebliche Unwägbarkeiten, die eine Abschätzung der Entwicklung des künftigen Arbeitskräftebedarfs erschweren. Zwar sind noch nicht alle Folgen des Bevölkerungsrückgangs und der alternden Gesellschaft auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt hinreichend analysiert worden, teilweise können sie jedoch bereits heute in der Projektion berücksichtigt werden. So werden beispielsweise durch die Einbeziehung der demographischen Entwicklung in die disaggregierte Schätzung des Konsums nach 26 Verwendungszwecken die Auswirkungen auf das Konsummuster abgebildet. Auch spielt die Zahl der Älteren eine zentrale Rolle bei der Bestimmung der Sozialversicherungsbeiträge. Neben den sich daraus ergebenden indirekten Folgen für die Entwicklung des Arbeitskräftebedarfs fließt der demographische Wandel durch das bereits im Vorfeld bestimmte Erwerbspersonenpotenzial mit in die Projektion ein.

Referenzperiode der Projektion ist der Zeitraum 1991 bis 2006. Projiziert werden die Einzeljahre von 2007 bis 2025. Der Übersichtlichkeit halber werden hier nur die Werte für ausgewählte Jahre ausgewiesen (vgl. Tabelle 2).


Info-Kasten „IAB-INFORGE Modell“

Das IAB-INFORGE Modell ist ein nach Produktionsbereichen und Gütergruppen tief disaggregiertes ökonometrisches Prognose- und Simulationsmodell für Deutschland, das von der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWSmbH) entwickelt worden ist. Seine besondere Leistungsfähigkeit beruht auf der Integration in einen internationalen Modellverbund. Das Modell beruht auf den Konstruktionsprinzipien „bottom-up“ und „vollständige Integration“. „Bottom-up“ besagt, dass die einzelnen Sektoren der Volkswirtschaft sehr detailliert (jeweils etwa 600 Variablen für 59 Sektoren) modelliert und die gesamtwirtschaftlichen Variablen durch Aggregation im Modellzusammenhang gebildet werden. Damit gelingt sowohl eine lückenlose Darstellung der einzelnen Sektoren im gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang und in der intersektoralen Verflechtung als auch eine Erklärung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge, die die Volkswirtschaft als Summe ihrer Branchen begreift. „Vollständige Integration“ meint eine Modellstruktur mit der Abbildung der interindustriellen Verflechtung und einer Erklärung der Einkommensverwendung der privaten Haushalte aus der Einkommensentstehung in den einzelnen Sektoren. Die weltwirtschaftliche Entwicklung sowie die Beziehungen Deutschlands mit der Weltwirtschaft werden durch das Modell GINFORS abgebildet, in dessen Zentrum das bilaterale Handelsmodell steht. Für 25 Gütergruppen und für den Handel mit Dienstleistungen stehen bilaterale Handelsmatrizen für die OECD-Länder und weitere zehn wichtige Handelspartner der OECD zur Verfügung. Der ökonomische Kern des Modells besteht aus dem Makromodell und dem Input-Output-Modell. Das IAB/INFORGE-Modell weist einen hohen Endogenisierungsgrad auf. Die etwa 200 exogenen Variablen sind vor allem Instrumentvariablen der Fiskalpolitik wie die Steuersätze. Am Arbeitsmarkt ist mit dem Erwerbspersonenpotenzial das Arbeitsangebot exogen. Von den außenwirtschaftlichen Variablen sind allein die Wechselkurse für die Währungen der Länder exogen. Sämtliche anderen Variablen über weltwirtschaftliche Entwicklungen, die zur Bestimmung der deutschen Exporte notwendig sind, werden endogen im internationalen System bestimmt.

Tabelle 2: Gesamtwirtschaftliche Entwicklung – Projektion 2010 bis 2025

Gesamtwirtschaftliche Entwicklung

Nach Überwindung der Weltwirtschaftskrise schreitet die internationale Arbeitsteilung weiter voran. So ergibt sich aus dem Modell GINFORS, dass der Welthandel nach dem Einbruch 2009 in den Jahren 2010 und 2011 um 5,5% zulegen wird und ab 2012 bis zum Ende des Projektionszeitraums jährlich um 6,5%. Dies spiegelt sich auch in der Entwicklung des Außenhandels wider, was die immer höheren Wachstumsbeiträge der Exporte wie der Importe zeigen (vgl. Tabelle 2). Damit wird der Export im gesamten Projektionszeitraum der dominante Wachstumsimpuls bleiben. Im langfristigen Durchschnitt projiziert das Modell ein jährliches Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in jeweiligen Preisen von 2,2%. Da das Modell unter Berücksichtigung der Weltmarktpreise eine sehr moderate Preisentwicklung errechnet, ergibt sich für das preisbereinigte BIP eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 1,7%. Auf die Bevölkerung bezogen entspricht dies einem durchschnittlichen jährlichen Pro-Kopf-Wachstum von 1,9%.

Der Staatsverbrauch wird annahmegemäß im gesamten Projektionszeitraum nur unterdurchschnittlich wachsen. Der private Verbrauch wird wie schon all die Jahre zuvor ebenfalls nur unterdurchschnittlich zunehmen, wobei sich hier gegen Ende des Projektionszeitraums auch der Rückgang der Bevölkerung bemerkbar machen dürfte. Die Investitionen dagegen unterliegen einem Zyklus und tragen letztlich unverändert zum Wirtschaftswachstum bei.

Die Lohnsteigerungen bleiben insgesamt moderat und werden bis 2015 unter dem Anstieg der nominalen Arbeitsproduktivität liegen, sodass die realen Lohnstückkosten sinken. Nach 2015 werden sich die Lohnsteigerungen – aufgrund des langsam einsetzenden Fachkräftemangels – zunächst in Höhe des nominalen Produktivitätswachstums bewegen und dieses nach 2020 schließlich übersteigen. Die durchschnittlichen Jahresarbeitszeiten steigen nach dem Einbruch im Jahr 2009 – der u. a. auf die starke Inanspruchnahme von Kurzarbeit zurückzuführen ist – zunächst nur relativ langsam. Hierbei handelt es sich um die durchschnittliche Jahresarbeitszeit aller Beschäftigten inklusive die der Teilzeitbeschäftigten. Erst ab Mitte der nächsten Dekade steigen die durchschnittlichen Jahresarbeitszeiten stärker an, nicht zuletzt wegen des sinkenden Arbeitsangebots und – damit verbunden – des zunehmenden Arbeitskräftemangels. Trotzdem wird voraussichtlich erst zum Ende des Projektionszeitraums wieder das Niveau von 2008 erreicht werden.

Die Zahl der Erwerbstätigen wird etwa zur Mitte des nächsten Jahrzehnts wieder die Größenordnung von 2008 erreichen. Dieses Niveau wird danach einige Zeit gehalten, bevor ab etwa 2020 die demographische Entwicklung per Saldo zu einer weniger beschäftigungsintensiven Produktion in den Unternehmen führt. Die Zahl der Erwerbstätigen beginnt daraufhin zu sinken. Nach den vorliegenden Modellrechnungen wird sie im Jahr 2025 um etwa 0,1 Mio. unter dem Niveau von heute liegen, was allerdings – aufgrund des geschrumpften Erwerbspersonenpotenzials – mit einer sehr viel kleineren Unterbeschäftigung einhergeht (vgl. Abbildung 1).

Sektorale Entwicklung

Bei insgesamt stagnierender Erwerbstätigenzahl bedeuten Änderungen der sektoralen Anteile zugleich entsprechende Änderungen im Niveau der sektoralen Beschäftigung. Die Projektion bestätigt für die sektorale Erwerbstätigenentwicklung die bereits früher ermittelten Grundtendenzen (vgl. Abbildung 3):

  • Weiterer Beschäftigungsabbau im Bereich der „Land-und Forstwirtschaft“ (-0,5 %-Punkte) und Stagnation im „Bergbau“.
  • Abgesehen von der jüngsten Finanzkrise, in denen das „Labour Hoarding“ im Vordergrund stand, zeichnete sich das „Verarbeitende Gewerbe“ in der Vergangenheit stets durch hohe Produktivitätssteigerungen aus. Dies wird auch künftig wieder so sein, sodass der Erwerbstätigenanteil – trotz einer deutlich zunehmenden Wertschöpfung – um 2,3 %-Punkte sinken wird.
  • Im „Baugewerbe“ sinkt der Erwerbstätigenanteil bis zum Jahr 2025 um 0,7 %-Punkte.
  • Die produktivitätsstarken Branchen des Dienstleistungsgewerbes verlieren Anteile: „Kredit-und Versicherungsgewerbe“ (-0,3 %-Punkte), „Verkehr-und Nachrichtenübermittlung“ (-0,8 %-Punkte) sowie „Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kfz und Gebrauchsgütern“ (-1,3 %-Punkte).
  • Im Bereich der „Öffentlichen Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung“ wird ebenfalls weiterhin Beschäftigung abgebaut (-0,8 %-Punkte).
  • Besonders stark werden die Beschäftigungsgewinne in den „Unternehmensbezogenen Dienstleistungen“ sein (+4,0 %-Punkte). Einerseits hält der Prozess der Ausgliederung von Unternehmensteilen und Betriebsfunktionen („Outsourcing“) weiter an und andererseits fragen die Dienstleister selbst in zunehmendem Maße unternehmensbezogene Dienstleistungen nach. Hierzu zählt auch die Zeitarbeitsbranche, auf die ein maßgeblicher Teil der Beschäftigungsgewinne entfallen dürfte.
  • Sehr gute Beschäftigungsperspektiven (+1,6%-Punkte) zeichnen sich auch im „Gesundheits-und Sozialwesen“ ab, insbesondere wegen der Alterung der Gesellschaft.
  • Leichte Beschäftigungsgewinne (+0,1 %-Punkte) dürften auch die „Sonstigen öffentlichen und privaten Dienstleister“ verzeichnen (Rundfunk- und Fernsehanstalten, Dienstleistungen für private Haushalte, politische Organisationen wie Parteien, Verbände, Gewerkschaften, religiöse Vereinigungen).
Abbildung 3: Entwicklung des sektoralen Arbeitskräftebedarfs von 2005 bis 2025 (Gesamtwirtschaft = 100 Prozent)

Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft ist allerdings nicht gleichzusetzen mit einer De-Industrialisierung. Die Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe wächst auch in Zukunft überdurchschnittlich. Die Rationalisierungsmöglichkeiten der Industrie erlauben überdurchschnittliche Produktivitätssteigerungen, die mit einem geringeren Arbeitskräfteeinsatz einhergehen. Ferner haben Unternehmen in der Vergangenheit produktionsnahe Dienstleistungen ausgegliedert und die dort erzielte Wertschöpfung wird dann nicht mehr dem Verarbeitenden Gewerbe zugerechnet. Voraussetzung für das starke Wachstum der unternehmensnahen Dienstleistungen (auch als „moderne Umwegproduktion“ bezeichnet) ist aber eine leistungsfähige industrielle Basis. Das künftige Verhältnis von Industrie und Dienstleistungen wird weiterhin durch Komplementarität und nicht Substitutionalität gekennzeichnet sein.

Fazit

Für die richtige Einschätzung der künftigen Arbeitsmarktentwicklung ist der Aspekt der Fristigkeit von Bedeutung. Im Projektionszeitraum zeichnet sich aufgrund der demographischen Entwicklung eine Trendwende beim Arbeitskräfteangebot ab. Dadurch könnte in Deutschland die Unterbeschäftigung stark zurückgehen, bis 2025 rein rechnerisch auf rund ein Viertel des heutigen Niveaus.

Der projizierte Rückgang der Unterbeschäftigung setzt voraus, dass der projizierte Arbeitskräftebedarf auch tatsächlich gedeckt werden kann und es zu keinen größeren Stellenbesetzungsproblemen kommt. Wenn sich in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach dem Rentenalter nähern, verschiebt sich die Altersstruktur. In Verbindung mit einer abnehmenden Zahl jüngerer Arbeitskräfte und einer nur im akademischen Bereich ankommenden neuen Bildungsexpansion könnte es deshalb schon bald rein quantitativ zu einem Mangel an qualifizierten Fachkräften kommen (Helmrich/Zika 2010). Dies gilt umso mehr, je niedriger die Bereitschaft der Wirtschaft ist, ältere Arbeitnehmer/innen zu beschäftigen. Künftig werden sie das größte Reservoir bilden, aus dem qualifiziertes Personal zu gewinnen wäre. So müssten beispielsweise Geringqualifizierte mittels geeigneter Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen das mittlere Qualifikationsniveau erreichen oder die Bildungssysteme durchlässiger werden, z. B. durch die Anerkennung von Qualifikationen, die in der Arbeit erworben wurden. Wenn dies nicht gelingt, besteht die Gefahr, dass es langfristig zu einem Fachkräftemangel bei gleichzeitig hoher Unterbeschäftigung kommen könnte.

Dieses „Mismatch-Problem“ könnte sich auch durch fortschreitende Dequalifizierung des Humankapitals bei lang anhaltender hoher Unterbeschäftigung verstärken. In den letzten Jahren war zwar – wohl auch infolge der Hartz-Reformen – der Anteil der Langzeitarbeitslosen rückläufig. Die Weltwirtschaftskrise könnte nun allerdings, aufgrund der hohen Unterauslastung und der damit einhergehenden sinkenden Arbeitsmarktdynamik, zu einer Verfestigung auf dem Arbeitsmarkt führen und diesen Trend vorübergehend umkehren.

Außerdem ist sicher, dass wir über den Projektionszeitraum hinaus mit einer weiter stark schrumpfenden und alternden Bevölkerung rechnen müssen. Ganz Deutschland wird dann vor Herausforderungen stehen, die wir schon jetzt ansatzweise in den neuen Ländern erkennen können, etwa bei der kommunalen Infrastruktur. Deshalb gilt es bereits heute, bei allen politischen Entscheidungen die richtige Balance zwischen kurz- und langfristigen Erfordernissen zu finden.

Website des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

 

Quellen

Baas, Timo; Brücker, Herbert; Dietz, Martin; Kubis, Alexander; Müller, Anne (2011): Arbeitnehmerfreizügigkeit: Neue Potenziale werden bisher kaum genutzt. IAB-Kurzbericht Nr. 24. 

Fuchs, Johann (2009): Demografische Effekte auf das künftige Arbeitskräfteangebot in Deutschland – eine Dekompositionsanalyse. Schmollers Jahrbuch. Zeitschrift für Wirtschafts-und Sozialwissenschaften Jg. 129, H. 4.

Fuchs, Johann; Söhnlein, Doris; Weber, Brigitte (2011): Projektion des Arbeitskräfteangebots bis 2050: Rückgang und Alterung sind nicht mehr aufzuhalten. IAB-Kurzbericht Nr. 16. 

Fuchs, Johann; Hummel, Markus; Hutter, Christian; Klinger, Sabine; Spitznagel, Eugen; Wanger, Susanne; Weber, Enzo; Zika, Gerd (2011): Prognose 2011/12: Schwerere Zeiten für den Arbeitsmarkt. IAB-Kurzbericht Nr. 19. 

Helmrich, R.; Zika, G. (Hrsg.) (2010): Beruf und Arbeit in der Zukunft. BIBB-IAB-Modellrechnungen zu den Entwicklungen in den Berufsfeldern und Qualifikationen bis 2025, Bonn.

Statistisches Bundesamt (2009): Bevölkerung Deutschland bis 2060. 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden. 

Wanger, Susanne (2011): Ungenutzte Potenziale in der Teilzeit: Viele Frauen würden gerne länger arbeiten. IAB-Kurzbericht 9.